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Waghäusel und seine Geschichte

Chronik der Stadt Waghäusel
mit ihren Stadtteilen Kirrlach, Wiesental und Waghäusel

von

Artur J. Hofmann

Spärlich sind die vorgeschichtlichen Siedlungsspuren auf dem Gebiet der heutigen Gemarkung der Stadt Waghäusel. Zwar gibt es vor allem in älteren archäologischen Berichten Hinweise auf Fundstellen aus der Stein-, der Bronzezeit und der Vorrömischen Eisenzeit, doch weder lassen sie sich genau lokalisieren noch sind die Fundstücke heute noch greifbar. Nur aus der Bronzezeit liegt ein gesicherter Einzelfund vor: 1904 wurde bei Bauarbeiten beim Bahnhof in Wiesental ein leicht geschweiftes, zweischneidiges Bronzemesser entdeckt, das heute im Reiß-Museum in Mannheim verwahrt wird.

Diese relativ spärliche menschliche Siedlungstätigkeit ist auf die naturräumlichen Vorgaben unserer Region zurückzuführen. Die sandreichen Fluren sind nicht besonders fruchtbar und deshalb für vorgeschichtliche Siedlungen wenig attraktiv.

Um so zahlreicher haben die Römer auf der Waghäuseler Gemarkung ihre Spuren hinterlassen. Das bedeutendste Denkmal aus römischer Zeit ist das römische Kleinkastell in der Nähe des Wagbachs an der südöstlichen Gemarkungsgrenze. Seine Entstehungszeit wird auf die Zeit um 80 n.Chr. gelegt, aufgegeben wurde die Anlage bereits um 120 n.Chr. Aus dem Wagbachkastell heraus entwickelte sich eine kleine zivile römische Siedlung, die das Wagbachkastell zumindest bis ins 3. Jahrhundert hinein überdauerte. Siedlungsspuren der Römer in Form einer kleinen Villa rustica wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts im Gewann Ziegelwiesen auch für Kirrlach nachgewiesen. Darüber hinaus gibt es auf der Waghäuseler Gemarkung zahlreiche Einzelfunde aus der römischen Zeit. Sicherlich gilt auch für Waghäusel, dass, wie im gesamten heutigen Baden-Württemberg, die römischen Siedlungsstellen spätestens um das Jahr 260 n. Chr. aufgegeben wurden, als die Zeit der Völkerwanderung einsetzte.

Aus der Völkerwanderungszeit konnten bisher noch keine Siedlungsspuren nachgewiesen werden. Erst für das 7. Jahrhundert n. Chr. kann man für Waghäusel auf handfeste Indizien einer Besiedlung verweisen. Schon 1836/37 hat Karl Wilhelmi aus Sinsheim merowingische Gräber im Gewann Preußenlager im unmittelbaren östlichen Anschluss an den heutigen Stadtteil Waghäusel entdeckt. 1903 wurde bei einer systematischen Nachuntersuchung 29 Reihengräber festgestellt, in denen teilweise schöne Grabbeigaben wie Riemenzungen, Schnallen, Schmuck aus Bernstein und Scheibenfibeln gefunden wurden. Da solche Reihengräber typisch für fränkische Hofstellen sind, kann man davon ausgehen, dass sich in unmittelbarer Nähe dieses Reihengräberfeldes, das im übrigen noch nicht vollständig untersucht ist und in letzter Zeit vom Heimatverein Wiesental neu untersucht wurde, eine fränkische Siedlung befand.

Die folgenden fünf Jahrhunderte bleiben bis heute ohne gesicherten Nachweis über eine Siedlungstätigkeit auf der heutigen Waghäuseler Gemarkung. Erst aus dem Jahr 1234 stammt die erste schriftliche Nachricht von der Existenz des Dorfes "Kirloch". Über sechzig Jahre später, nämlich 1297, wird auch Wiesental als "Wiesenten" in einer Urkunde zum ersten Mal erwähnt. Durch die Kirrlacher Urkunde wurden die Rechte des Stiftes St. German über die Kirrlacher Kirche festgelegt. Die Wiesentaler Urkunde dagegen ist zu sehen im Zusammenhang mit der von Bischof Friedrich von Bolanden (1272-1302) systematisch geförderten Anlage von Siedlungsplätzen im rechtsrheinischen Teil des Bistums Speyer. Diese Urkunde hält deshalb einen Gründungsakt für eine Gemeinde fest und macht Aussagen über die Rechte und Pflichten der Bewohner. Auch die Größe der Siedlung, nämlich 80 Hofstellen, wird durch die Urkunde vorgeschrieben. Eine solche Gründungsurkunde ist für Kirrlach nicht nachzuweisen. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass es bereits vor der Ersterwähnung die Kirrlacher Siedlung gab. Denn die Kirche, auf die in der Ersterwähnung Bezug genommen wird, existierte bereits.

Die salischen Kaiser Heinrich III. und Heinrich IV. hatten die gesamte Lußhardt 1056 und 1063 dem Bistum Speyer geschenkt. Bereits nach diesen Schenkungen ist mit großer Wahrscheinlichkeit durch Waldrodung das Kirrlacher Siedlungsgebiet entstanden.

Nach diesen Ersterwähnungen finden sich die Namen der beiden Dörfer immer wieder in Urkunden erwähnt, ohne dass man etwas Näheres über die Ortschaften oder seine Bewohner erfährt. Drei Bevölkerungserhebungen, nämlich eine Volkszählung des Bischofs Matthias Rammung von 1469/70, das Register des Gemeinen Pfennigs von 1495 sowie das Leibeigenschaftsverzeichnis aus dem Jahre 1530 dokumentieren eine sich leicht vermehrende Bevölkerungszahl, eine typisch bäuerliche Gesellschaft mit stark unterschiedlichen Vermögensverhältnissen und Abgabenpflichten.

Eine genaue Angabe über die Zahl von Menschen, die in Kirrlach und Wiesental wohnten, macht die Zählung von 1530. Danach lebten von den insgesamt 26 702 Menschen im Hochstift Speyer 245 Untertanen in 59 Haushalten in Kirrlach und 312 Personen in 72 Haushalten in Wiesental.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein verhinderten Seuchen und vor allem viele Kriege, dass die Zahl von 80 Familien in Wiesental und 60 in Kirrlach als Obergrenze für eine ausreichende Versorgung mit dem Lebensnotwendigen auf der vorhandenen Wald- und Ackerfläche überschritten wurde. Im 17. Jahrhundert dezimierten vor allem die großen europäischen Kriege, die die Wiesentaler und Kirrlacher im Einzugsgebiet der Reichsfestung Philippsburg erdulden mussten, die Bevölkerung. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Reichsfestung Philippsburg, von Fürstbischof Christoph Philipp von Sötern (1610-1652) im Zeitraum von 1615 bis 1622 erbaut, wirkte wie ein Magnet auf die jeweils kriegführenden Parteien im 17. und 18. Jahrhundert, so dass die Menschen in Wiesental und Kirrlach immer wieder Plünderungen, Diebstahl und Schlimmeres wie die Vernichtung der Ernte und die Zerstörung der Häuser in ihrer ungeschützten Lage in dem größten militärischen Aufmarschgebiet jener Zeit hinnehmen mussten.

So lebten am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) in Kirrlach und Wiesental zusammen nur noch knapp über 20 Familien. 1652, vier Jahre nach dem Westfälischen Frieden, zählte man in Kirrlach 43 Menschen und in Wiesental 30. 1683 wohnten in Wiesental 33 und in Kirrlach 28 Familien, 1701 waren es nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) in Wiesental noch 26 Familien und in Kirrlach, das unter diesem Krieg etwas weniger zu leiden hatte, immerhin 30 Familien.

In den wirtschaftlich besseren und politisch ruhigeren Zeiten unter den Fürstbischöfen Schönborn (1719-1743), Hutten (1743-1770) und Limburg Stirum (1770-1797) ging es mit den Dörfern wirtschaftlich aufwärts. Die Bevölkerungszahl wuchs so stark, dass Kirrlacher und Wiesentaler ab den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts vor allem nach dem Königreich Ungarn auswanderten, weil die Hofstellen am Ort zur Ernährung der wachsenden Bevölkerung nicht mehr ausreichten. Die Auswanderer nannten deshalb als Grund für die Auswanderung: "Wegen Abgangs der benöthigten Nahrung". Die Auswanderung nach Ungarn, vereinzelt auch nach Serbien und Cayenne, hielt bis in die 90er Jahre des 18. Jahrhunderts an und erfolgte in Schüben.

Aber auch dieses Ventil konnte den Bevölkerungsüberschuss nicht wirklich dauerhaft abbauen. Im Jahre 1802, ein Jahr vor der endgültigen Auflösung der weltlichen Herrschaft des Hochstifts Speyer und dem Übergang unserer beiden Dörfer an Baden, lebten trotz der vorausgegangenen Auswanderungen in Wiesental bereits 745 Menschen in 173 Familien mit 145 Häusern. In Kirrlach waren es 633 Einwohner in 143 Familien mit 103 Häusern. Und immer noch lebten diese Menschen in erster Linie von der Landwirtschaft und in einem vorgegebenen Rahmen von der Nutzung des umliegenden Waldes. Neben den Bauersfamilien führten nur wenige ein Handwerk aus. Im Jahre 1802 gab es in Kirrlach 2 Bäcker, 1 Dreher, 1 Handelsmann, 4 Leinenweber, 1 Maurer, 1 Sattler, 2 Schmiede, 3 Schneider, 1 Schuhmacher, 1 Zimmermann und 1 Wagner. In Wiesental waren es 4 Bäcker, 1 Glaser, 3 Handelsleute, 1 Küfer, 8 Leinenweber, 3 Maurer, 2 Metzger, 3 Schmiede, 4 Schneider, 1 Schreiner, 2 Schuhmacher, 1 Zimmermann, 1 Wagner. Aber auch diese Handwerker mussten im Nebenerwerb Feldbau betreiben, um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Auch die fünf Wirte in Kirrlach und die sechs Wirte und der Bierbrauer in Wiesental sowie Pfarrer und Lehrer betrieben neben ihrem Beruf eine kleine Landwirtschaft.

In all diesen Jahrhunderten unterscheiden sich beide Gemeinden allerdings durch die unterschiedliche Größe ihrer Gemarkung: Aus einer Erhebung aus dem Jahr 1787/1788 wissen wir, dass die Wiesentaler Gemarkung mit 4603 Morgen dreimal so groß war wie die Kirrlacher Gemarkung mit ihren 1540 Morgen. Als Ackerland bewirtschaften konnten die Wiesentaler 2749 Morgen, die Kirrlacher nur 1050, wovon rund 200 noch der Herrschaft gehörten. Hinzu kam, dass die Wiesentaler noch über 1698 Morgen gemeindeeigenen Wald verfügten und die Kirrlacher keinen eigenen Wald hatten. Die unterschiedliche Größe der Gemarkung bewirkte, dass in Wiesental im Schnitt 20% bis 30% mehr Menschen als in Kirrlach lebten und die Gemeinden zwar beide arm waren, sie sich aber in ihrer Armut doch graduell unterschieden. Im Schnitt war man in Wiesental etwas weniger arm als in Kirrlach. Von einem Wohlstandsgefälle zu sprechen, das wäre allerdings sicherlich unangemessen.

Während Kirrlach und Wiesental bis weit in die Neuzeit hinein zwei ganz normale Bauerndörfer waren, wie sie es im deutschen Südwesten viele Male gab, stellt Waghäusel einen Sonderfall dar. Seine Entstehung verdankt dieser Ort der Volksreligiosität und seinen weiteren Ausbau den Repräsentationsbedürfnissen des fürstbischöflichen Absolutismus.

Die älteste Überlieferung über den Ursprung Waghäusels enthält der "Gründliche Bericht über den Ursprung Waghäuseleins" aus dem Jahre 1710. Die Entstehung der Waghäuseler Marienwallfahrt geht demnach auf eine Legende zurück, nach der im Jahre 1435 ein Schäfer eine Marienstatue, eine einfach gestaltete Maria mit dem Jesuskind, gefunden habe, die wunderbare Kräfte offenbart habe. 34 Jahre nach Auffindung der Statue ließ Bischof Matthias Rammung für die Pilger eine Kapelle bauen. 1616 kamen auf Einladung von Fürstbischof Philipp Christoph von Sötern die ersten Kapuziner zur Betreuung der Pilger nach Waghäusel. In der Folgezeit bauten die Patres nicht nur für sich eine Klosteranlage, sondern erweiterten immer wieder die Wallfahrtskirche, bis sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie alle Männerorden Baden verlassen mussten. Erst 1920 kehrten die Kapuziner wieder zurück.

Eine neue Epoche für Waghäusel begann mit Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn. Dieser nämlich wählte Waghäusel als Ort für seine Eremitage unmittelbar neben der Wallfahrtskirche. Neben den Patres und den Familien des Posthalters und des Gastwirtes kamen nun noch die Bediensteten der Eremitage als ständige Einwohner von Waghäusel hinzu. Nach dem Bau der Eremitage in der Zeit von 1724-1729 lebten bis zur Ansiedlung der Zuckerfabrik im Jahr 1837 in Waghäusel trotzdem im Schnitt nur zwischen 40 und 60 Personen. Das genügte nicht, um aus Waghäusel eine bürgerliche Gemeinde wie Kirrlach und Wiesental zu machen. Der bischöfliche Stuhl zu Speyer war nicht nur Eigentümer der Eremitage, sondern auch Eigentümer des Klosters und der Wallfahrtskirche. Unter badischer Herrschaft gehörte Waghäusel zunächst zu Oberhausen und wurde ab 1847 im Status einer abgesonderten Gemarkung von Oberhausen geführt, erst im Jahre 1930 wurde Waghäusel selbständige Gemeinde.

Zum letzten Mal waren die Dörfer im Vorfeld der Philippsburger Festung in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts unmittelbar Beteiligte und Leidtragende an den Koalitionskriegen gegen Frankreich. 1801 wurde auf Befehl Napoleons damit begonnen, die Festung total zu schleifen.

Unter Napoleons Regie wurde im Rahmen des Reichsdeputationshaupt- schlusses von 1803 Baden, das dann nach seinem Beitritt zum Rheinbund 1806 Großherzogtum wurde, unter anderem die rechtsrheinischen Gebiete des Hochstiftes Speyer zugesprochen.

Damit endete eine jahrhundertelange Herrschaft der Speyerer Bischöfe über die Dörfer im Bruhrain. Unmittelbar vor dem drohenden Niedergang des Hochstiftes hatte der letzte Speyerer Fürstbischof Wilderich von Walderdorf 1798 die Leibeigenschaft aufgehoben. Für die Bewohner von Kirrlach, Wiesental und Waghäusel änderte sich durch den Herrschaftswechsel wenig. Denn die alte feudale Wirtschafts- und Sozialordnung bestand weiterhin. Die systematischen Erhebungen über die neu an Baden gefallenen Dörfer ergab, dass sich Wiesental in einer etwas günstigeren wirtschaftlichen Situation befand als Kirrlach. Aber das alte Problem wurde auch bei dieser Untersuchung und späteren Stellungnahmen der Behörden deutlich angesprochen und verstärkte sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr: Der rapide anwachsenden Bevölkerung konnte nicht eine entsprechend vergrößerte landwirtschaftlich nutzbare Fläche angeboten werden. Und dies traf auf beide Dörfer zu. So hatte Wiesental 1851 nur knapp über 500 Morgen Ackerland mehr als 1802 mit 2727 Morgen, aber die Einwohnerzahl war von 745 auf 2029 gestiegen. Hinzu kam, dass die verarmten Dörfer noch Kriegsschulden abzutragen hatten und für die Aufhebung der Fronden und die Zehntablösung stattliche Summen zahlen mussten.

Für Wiesental, Kirrlach und Waghäusel war es deshalb ein Glücksfall, dass die Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation 1837 auf dem nach der Säkularisation ungenutzten Gelände der Eremitage eine Zuckerfabrik ansiedelte, bei der über mehrere Generationen hinweg Menschen aus Kirrlach, Wiesental und Waghäusel sowie der näheren und weiteren Umgebung Arbeit fanden. Immerhin beschäftigte diese Fabrik in guten Jahren rund 1.000 Menschen. Zum ersten Mal gab es Verdienstmöglichkeiten außerhalb der Land- und Forstwirtschaft und der kleinen Handwerksbetriebe vor Ort.

Die Zuckerfabrik aber brachte keinen dauerhaften Abbau des Überangebotes an Arbeitskräften. Ein weiteres Ventil für die stetig wachsende Bevölkerung, war dann die ab den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzende Auswanderungswelle nach den USA und nach Brasilien. Auslöser dieser Wanderungsbewegung war die gescheiterte Revolution von 1848/49. In Waghäusel selbst fand im Verlauf dieser Revolution eine entscheidende Schlacht statt. Am 21. Juni 1849 musste das badische Freiheitsheer nach anfänglichen Erfolgen in einem ungeordneten Rückzug der preußischen Übermacht weichen.

Nach der Revolution war klar, dass ein wesentliches Ziel der Revolutionäre unter dem Schlagwort "Wohlstand und Freiheit für alle" in eine fernere Zukunft gerückt war. Die Auswanderungsbewegung hielt auf hohem Niveau bis in die 80er Jahre an und bewirkte eine stark reduzierte Zunahme der Bevölkerung. So wuchs die Einwohnerzahl in Wiesental von 2.029 im Jahr 1852 auf nur 2.078 im Jahr 1861. In Kirrlach nahm die Einwohnerzahl von 1.585 im Jahr 1852 auf nur 1.612 im Jahr 1861 zu.

Ein weiterer Schritt weg von der traditionellen Bauerngemeinde zur Fabrikarbeitergemeinde, war die ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts verstärkt einsetzende Ansiedlung von Zigarrenfabriken in Wiesental und Kirrlach. In Kirrlach waren im Jahr 1907 in 18 Zigarrenfabriken 572 Frauen und 383 Männer beschäftigt. In Wiesental verdienten im Jahr 1908 insgesamt 680 Männer und Frauen einen bescheidenen Fabrikarbeiterlohn. Die Zigarrenfabriken behielten ihre dominierende Rolle vor allem für Frauenarbeitsplätze bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. In den 70er Jahren schloss dann die letzte Zigarrenfabrik.

Eine weitere Beschäftigungsmöglichkeit vor allem für Männer bot die expandierende Mannheimer Industrie und die Eisenbahn. 1870 erfolgte die Eröffnung der Eisenbahnlinie Mannheim-Schwetzingen-Waghäusel-Graben, 1874 war die Streckeneröffnung von Graben nach Bruchsal. 1895 wurde die letzte Teilstrecke Graben-Karlsruhe in Betrieb genommen. Aber nur zögernd setzte die Pendlerbewegung vor allem nach Mannheim und auch nach Karlsruhe ein. So arbeiteten 1913 zwar rund 1.000 Kirrlacher in den örtlichen Zigarrenfabriken, aber nur rund 110 in auswärtigen Betrieben. In Wiesental war es ähnlich. 1914 arbeiteten ca. 1.200 Menschen in der Zigarrenindustrie und ca. 350 Männer fanden Arbeit in auswärtigen Betrieben oder bei der Bahn. Die Zahl der auswärts Arbeitenden aber nahm ständig zu und nach dem Zweiten Weltkrieg sahen die Zahlen ganz anders aus. 1952 waren in den Kirrlacher Zigarrenbetrieben noch 795 Menschen beschäftigt, dagegen 1.450 auswärts. Und auch in Wiesental fuhren täglich 1.228 Menschen meist mit der Bahn zur Arbeit.

Eine Sonderrolle dagegen spielte Waghäusel. 1925 lebten in 44 Haushaltungen insgesamt 149 Personen, die fast alle direkt oder indirekt von der Zuckerfabrik lebten, und dieser Zustand hielt bis nach dem Zweiten Weltkrieg an, als in Waghäusel durch Zuzug von außen allmählich die Einwohnerzahl stieg.

Schon in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg aber entstanden auch in Wiesental und in Kirrlach vermehrt Arbeitsplätze außerhalb von Zigarrenfabriken, vor allem zunächst im Bauhaupt- und Bauausbaugewerbe, dann in der Textilindustrie, im Metallbau und der Elektrotechnik. Im Jahr 1970 konnten deshalb rund 60% der Erwerbstätigen eine Beschäftigung in den drei Ortschaften finden, rund 40% mussten zu ihren Arbeitsstätten pendeln. In den letzten Jahren hat die Stadt Waghäusel allerdings wichtige Arbeitsplätze verloren. Die einmal bedeutende Textilindustrie ( z. B. Joba) gibt es nicht mehr, die bekannte Baufirma Wagenhan hat geschlossen, E.G.O. Elektro-Gerätebau hat seinen Betrieb in Wiesental aufgegeben und schließlich hat mit der Kampagne 1995 auch die traditionsreiche Zuckerfabrik dichtgemacht. Neue Arbeitsplätze entstanden aber vor allem durch einen großen Einzelhandelsbetrieb und die Ansiedlung von kleinen und mittleren Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben. Auf diese Weise konnten die Umstrukturierungsprobleme gemeistert werden. Im Jahr 1998 gab es immerhin 5.579 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in Waghäusel. 2.945 Beschäftigte in Waghäusel sind Berufseinpendler. 4.339 Waghäuseler Bürger fanden als Auspendler im Jahr 1998 ihr Einkommen auswärts. Insgesamt standen 6.973 Bürgerinnen und Bürger in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren in Kirrlach 166 und in Wiesental 143 gefallene Soldaten zu beklagen. Schlimmer noch waren die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges. Am schwersten wurde Wiesental durch das Kriegsgeschehen getroffen. Wiesental wurde zweimal durch Bombenangriffe heimgesucht. In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1942 fiel eine schwere Luftmine auf das untere Ende der Lußhardtstraße. Wohnhäuser und Scheunen stürzten zusammen. Vier Menschen kamen ums Leben. Bei einem zweiten Luftangriff auf Wiesental am 21.1.1945 waren die Schäden wesentlich größer. 37 Menschen kamen ums Leben, die Kirche brannte aus, weit über 100 Gebäude wurden zum Teil stark beschädigt. Rund 1.200 Wiesentaler wurden zur Wehrmacht eingezogen, davon sind 336 Männer gefallen oder vermisst.

Weniger einschneidend waren die Verluste unter der Zivilbevölkerung von Kirrlach. Obgleich hier westlich der Gemeinde auf dem Gewann "Löcherjagen" ein Militärflughafen sich befand, blieb der Ort bis auf einen Artilleriebeschuss am 27.3.1945 von Angriffen verschont. An diesem Tag kamen drei Menschen ums Leben. Hinzu kommen noch zwei Kirrlacher, die am 1.4.1945 bei der Reparatur eines Geschützes den Tod fanden. 231 Männer hatte Kirrlach als Gefallene oder Vermisste zu beklagen. Auf Waghäusel fielen am 25. April 1944 Bomben. Die Zuckerfabrik und das Postamt wurden schwer getroffen, das Kloster trug leichtere Schäden davon. Sechs Soldaten aus Waghäusel waren an der Front gefallen.

1945 zählte Kirrlach 4.649 Einwohner, Wiesental 4.809 und Waghäusel 298. Bei der Zählung von 1950 waren in Kirrlach bereits 6.134, in Wiesental 5.977 und in Waghäusel 329 Einwohner registriert. Diese erstaunliche Bevölkerungszunahme ist vor allem durch die Aufnahme von Heimatvertriebenen im Zeitraum von 1945 bis 1952 verursacht, wobei der größte Teil der Heimatvertriebenen in den ersten vier Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eingewiesen wurde. Insgesamt fanden 1428 Vertriebene in den drei Ortschaften Aufnahme, 750 in Kirrlach, 615 in Wiesental und 63 in Waghäusel. In wirtschaftlich schwieriger Zeit gelang es, die Heimatvertriebenen in die dörfliche Gemeinschaft der drei ländlichen Gemeinden zu integrieren und sie eine neue Heimat finden zu lassen. Den unerhofften Aufschwung, den die drei Dörfer nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen, verdanken sie unter anderem auch der Schaffenskraft und dem Engagement dieser neuen Bürger.

1950 wohnten insgesamt 12.440 Bürger in den drei Gemeinden. Zu Beginn des Jahres 2002 waren es 19.577 Einwohner, eine Zunahme von über 7.000 Einwohnern. Entsprechend groß waren die Anstrengungen der Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg die dafür notwendige Infrastruktur bereitzustellen: Bis zum Jahr 1975, als die Gemeinden noch selbständig waren, gehörten die Erschließung von Wohnbau- und Gewerbegelände, der Aufbau der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung sowie der Bau des Rheintalschwimmbades jeweils in Zweckverbänden, der Bau der neuen Bolandenschule, der Schillerschule und der Rheintalhalle in Kirrlach zu den größten Investitionen. Nach der Fusion der Gemeinden Kirrlach, Wiesental und Waghäusel am 1. 1. 1975 zur Gemeinde Waghäusel (Gesamtfläche des Gemarkungsgebietes: 4285 ha, davon rund 48% Wald) wurde die Erschließung von Baugelände weiter vorangetrieben. Die größten Bauprojekte waren seit 1975 die Wagbachhalle in Wiesental, die Hebel-Realschule und das Rathaus mit Bibliothek in Waghäusel, vier Kindergärten verteilt auf alle drei Stadtteile und die Modernisierung der Abwasserbeseitigung. Ferner wurde eine Reihe von öffentlichen Straßen und Plätzen mit großem finanziellen Aufwand neu gestaltet. Schließlich wurden an allen Schulen Um- und Erweiterungsbauten vorgenommen.

Die Stadtrechte erhielt Waghäusel knapp ein Jahr nach dem Bezug des neuen Verwaltungszentrums am 1. Mai 1984. Der erste Bürgermeister von Waghäusel war von 1975 bis 1999 Robert Straub. Sein Nachfolger ist der Rechtsanwalt und Landtagsabgeordnete Walter Heiler.



Wappen der Stadt Waghäusel



 
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