Die Eremitage Waghäusel
Den Grundstein zur Eremitage in Waghäusel legte am
26. September 1724 Damian Hugo Philipp von Schönborn, von 1719 bis 1743 Fürstbischof von Speyer.
Bereits 1720 hatte er die Residenz von Speyer nach Bruchsal verlegt und dort mit dem Schlossbau begonnen.
Damian Hugo überzog das Hochstift Speyer mit einem Alleesystem, das die neue Residenz Bruchsal mit
herrschaftlichen Anlagen wie Schloss Kislau und der Eremitage verband und den Wald erschloss.
Der Begriff "Eremitage" stammt aus dem Französischen und bedeutet Einsiedelei.
Ein Schloss dieses Typs sollte als "Rückzugsort ins Private" dienen. Stilprägend war auch hier der
französische König Ludwig XIV., genannt "der Sonnenkönig", der schon in Versailles das Vorbild für
zahlreiche absolutistische Residenzen geschaffen hatte. Die für sein heute nicht mehr existierendes
Sommerschloss Marly-le-Roi verwendete, aufgelockerte Bauweise in Form eines von Pavillons umgebenen
Hauptbaus verbreitete sich schnell in ganz Europa.
Die Speyerer Fürstbischöfe suchten in ihrer Waghäuseler Eremitage in unmittelbarer Nähe zu Wallfahrtskirche
und Kloster sowohl Ruhe für religiöse Übungen wie Entspannung durch die Jagd.
Michael Ludwig Rohrer aus Rastatt (1683-1732), u.a. Baumeister des Speyerer Fürstbischofs und der
Markgräfin Sibylle Augusta von Baden-Baden, plante die erste Anlage der Waghäuseler Eremitage, die
von 1724 bis 1729 erbaut wurde. Der Hauptbau lag im Zentrum eines von Mauern umgebenen Wegesterns mit
acht "Eremitenpavillons" zwischen den Hauptwegen. Der ursprüngliche Hauptbau war sechzehneckig. Über das
eigentliche Dachgeschoss des Hauptbaus ragte ein "Belvederesaal" mit Fensterkranz und sechzehn Kaminen an
der Außenwand. Dort brachte der italienische Freskomaler Giovanni Francesco Marchini, der auch Malereien
im Bruchsaler Schloss ausführte, um 1732 ein Deckenfresko an. Dargestellt war das Innere einer in römische
Ruinen gebauten Eremitenhütte. Die Eremitage Waghäusel beeinflusste auch spätere Bauten wie Schloss Clemenswerth
im Emsland und das Jagdschloss auf dem Carlsberg bei Weikersheim.
Wohl durch den Würzburger Barockbaumeister Balthasar Neumann (1687-1753) angeregt, der seit 1728 auch
in Speyerer Diensten stand, ließ Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn schon 1730 anstelle der
kleinen und sehr einfachen Eremitenhäuschen vier zweistöckige Kavalierpavillons mit quadratischem Grundriss
errichten, die mit einer Ringmauer verbunden waren. Der südöstliche Pavillon war für die Küche bestimmt
("Küchenbau"), der nordöstliche für die wachhabende "Garde zu Pferd und Fuß" ("Gardebau") und die beiden
westlichen für die fürstlichen Gäste (südwestlich "Fremdenbau" und nordwestlich "Cavalierbau"). Im Westen
der Anlage, in Richtung Oberhausen, schlossen sich der Ökonomiehof mit Zehntscheuer, Amtskellerei,
Pferdeställen, Wachstube, Jäger-, Gärtner- und Zollhaus sowie zwei Weihern an.
Franz Christoph von Hutten, von 1743 bis
1770 Fürstbischof von Speyer, beauftragte seinen Architekten Balthasar Neumann im Jahr 1747
mit einer Erweiterung des Hauptbaus der Eremitage. Dieser baute vier neue "Flügel" oder "Ohren" an den
Hauptbau an, so dass der heutige kreuzförmige Grundriss entstand. Die fürstbischöflichen Appartements und
eine Hauskapelle waren im Erdgeschoss untergebracht. Die vier Kavalierhäuser wurden ebenfalls erweitert,
und zwar um die hinteren Teile außerhalb der Ringmauer, erst dadurch erhielten sie ihren rechteckigen
Grundriss. Unter Damian August von Limburg-Stirum, von 1770 bis 1797 Fürstbischof von Speyer,
wurden 1783 im Eingangsbereich des Hauptbaus die Uhr und das Glockentürmchen sowie ein schmiedeeiserner
Altan über der Freitreppe angebracht.
Mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde das Hochstift Speyer aufgelöst, dessen
rechtsrheinischer Teil mit Waghäusel fiel an den badischen Staat. Der letzte Speyerer Fürstbischof
Philipp Franz Nepomuk Wilderich von Walderdorf behielt bis zu seinem Tod im Jahr 1810
ein Wohnrecht in den Schlössern Bruchsal und Waghäusel. Die Eremitage, für die man danach zunächst
keine Verwendung mehr fand, entging der Versteigerung für einen geplanten Abriss nur dank des Einsatzes
des Geheimen Finanzrates Bürklin.
Im Jahr 1837 kaufte die "Badische
Gesellschaft für Zuckerfabrikation" die rund 13 Hektar große Schlossanlage vom badischen Staat
und errichtete hier die bis 1995 bestehende Zuckerfabrik Waghäusel. Die ersten
Produktionsgebäude für die Zuckerherstellung entstanden im ehemaligen Ökonomiehof. Im Lauf der Jahre
mussten alle barocken Wirtschaftsgebäude neuen Industriebauten weichen. Die Grundlinien der barocken
Anlage und einige Reste der Wegeachsen konnten sich aber überraschend deutlich in der Struktur der
Fabrikanlage halten. Zwischen den Fabrikanlagen blieben einzig der Eremitage-Hauptbau, der von der
Fabrikverwaltung genutzt wurde, und die Kavalierhäuser, die als Werkswohnungen dienten, erhalten.
Im südwestlichen "Fremdenbau" wohnten zeitweise die Fabrikdirektoren. Er wurde in den 1870er Jahren
nochmals verlängert und erhielt eine Veranda in zierlicher Wintergartenarchitektur in Form der Gründerzeit.
Das nordwestliche Kavalierhaus wurde 1968 abgerissen, um einem Melassetank Platz zu machen. Die übrigen
drei Kavalierhäuser entgingen dem schon geplanten Abriss und wurden von 1988 bis 1992 mit Mitteln der
Südzucker AG, der Stadt Waghäusel, der Denkmalstiftung Baden-Württemberg und des Landesdenkmalamtes
renoviert.
Der Hauptbau der Eremitage blieb lange im Wesentlichen unverändert. Im Jahr 1860 richtete die
Direktion der Zuckerfabrik für die protestantischen Beschäftigten, eine Minderheit in der überwiegend
katholischen Gegend, einen Betsaal im Erdgeschoss mit eigenem Zugang und später auch eigener Kirchenglocke
ein. Er wurde bis zur Fertigstellung der Waghäuseler Friedenskirche 1967 genutzt. Erst im Rahmen eines
großen Umbaus in den 1920er Jahren wurde die barocke Freitreppe mit der eisernen Baldachin-Architektur
entfernt, der Keller unter dem Eingangsbereich zugeschüttet und der heutige neuklassizistische Eingang
geschaffen. Im Inneren wurde die ursprüngliche Raumaufteilung verändert und Zwischendecken entfernt,
so dass in der Gebäudemitte ein dreigeschossiger Kuppelsaal entstand, in dem man vom ersten Stock
aus bis zu Marchinis Deckengemälde sehen konnte. 1946 zerstörte dann allerdings ein Brand das
Deckenfresko und die historische Dachkonstruktion
1997 verkaufte die Südzucker AG das gesamte
Gelände der Zuckerfabrik inklusive der Eremitage
an die Stadt Waghäusel. Das denkmalgeschützte Ensemble wird seither von der Stadt mit Zuschüssen
des Landes Baden-Württemberg renoviert. Am Hauptbau wurden Dächer, Fenster, Sockel, Verputz und Farbgebung
erneuert. Im Jahr 2004 erhielt die Rotunde des Hauptbaus einen neuen, dem historischen Vorbild
nachempfundenen Dachstuhl aus Stahl und Holz. Die seit dem Umbau in den 1920er Jahren zugeschütteten
Teile des Kellers unter dem Eingangsbereich und Reste des von Balthasar Neumann konzipierten
Treppenhauses wurden freigelegt. Im Bauschutt fanden sich dort noch Kacheln und Putzreste der
Originalausstattung des 18. Jahrhunderts.
Im Zuge der Renovierungsarbeiten wurden die Reste des für die Zeit um 1750 überaus fortschrittlichen
Kanalsystems zur Dachentwässerung entdeckt und gesichert. Teile des Achsensystems der historischen
Anlage wurden u.a. durch Pflanzung von Baumalleen wiederhergestellt. Die Außenrenovierung ist abgeschlossen.
Die Innenrenovierung des Hauptbaus soll bis 2010 beendet sein.
Die Eremitage soll eine kulturelle Nutzung finden und Trauungen dort möglich werden.
Und so kommen Sie hin:
Von der Autobahn A5, Ausfahrt Kronau/Waghäusel, Richtung Waghäusel. Am Eingangskreisel des Stadtteils Kirrlach links.
Auf der Umgehung immer Richtung Stadtteil Waghäusel. Diesen dann links liegen lassend bis zur Abzweigung "Kloster Waghäusel". Hier
links einbiegen, dann wieder links und gleich wieder rechts der Straße folgen.
Weitere Informationen:
Stadtverwaltung Waghäusel
Gymnasiumstr. 1
68753 Waghäusel
Tel. 07254-207-0
Fax: 07254-207-223
Stadtverwaltung@waghaeusel.de