Die große Nachdenkende

40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde am Volkstrauertag 1985 ein Mahnmal auf dem Wiesentaler Friedhof enthüllt, das auch an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) erinnern soll. Der Speyerer Bildhauer Franz W. Müller-Steinfurth schuf aus weißem Carrara-Marmor die 2,70 rn hohe, nachdenkende, trauernde Frauenfigur. "Die große Nachdenkende" hat der Bildhauer sein Werk benannt. Der Text auf dem Sockel macht deutlich, daß mit diesem Mahnmal nicht nur der Toten des Zweiten Weltkrieges gedacht werden soll. Er lautet:

"Wir gedenken der Opfer aller Kriege.Wir gedenken der Opfer von Unfällen und Katastrophen.Wir gedenken der Opfer die für ihren Glauben, ihre Überzeugung und ihre Mitmenschen starben.Wir gedenken der Opfer die gemordet wurden, weil sie einer anderen Rasse oder Nation angehörten."
Insgesamt setzt sich dieses Denkmal von solchen ab, die gerade in ihrer Erinnerungsfunktion an Kriege pathetisch nationale Gefühle ansprechen. Eher lädt die Frauengestalt in ihrer kontemplativen Haltung den Betrachter dazu ein, in Stille Einkehr zu halten.

Textquelle: Stadtführer Waghäusel, S 61, Herausgegeben vom Heimatverein Kirrlach e.V. und dem Heimatverein Wiesental e.V., Verlag Regionalkultur

Tote mahnen zum Frieden
Mahnmal für alle Opfer von Krieg und Gewalt enthüllt
Feierstunde am Volkstrauertag auf Wiesentaler Friedhof (b)

Unter starker Anteilnahme der Bevölkerung wurde in diesem Jahr die Gedenkfeier anläßlich des Volkstrauertags auf dem Friedhof des Stadtteils Wiesental gestaltet. Im Mittelpunkt der Feierstunde stand die Enthüllung des neuen Mahnmals für alle Opfer von Krieg und Gewalt, das der Speyerer Bildhauer Franz W. Müller-Steinfurth geschaffen hat, das von Pfarrer Günter Hirt den kirchlichen Segen erhielt. Unter den Klängen des Lieds „Vom guten Kameraden" legten Burgermeister Robert Straub für die Stadt Waghäusel und Fritz Klumpp für den VDK Wiesental Kränze am neuen Mahnmal nieder. Neben dem Musikverein „Harmonie" verschönten Liedvorträge des gemischten Chores des Männergesangvereins 1909, der auch den vorangegangenen Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche musikalisch mitgestaltete, die Feierstunde. Nach der Enthüllung der Plastik durch den Künstler Franz Werner Müller-Steinfurth und Bürgermeister Robert Straub übernahm der Kunsthistoriker Clemens Joeckle, Speyer, die Deutung des Denkmals. Dabei unterstrich er das schwierige Unterfangen, einem Mahnmal für Opfer von Krieg und Gewalt Gestalt geben zu wollen. „Das Denkmalverständnis in unserer Gegenwart hat sich fundamental gewandelt". Es scheint, so der Kunsthistoriker, dafür keinen Traditionsstrang zu geben, bedenkt man die oft trutzige, manchmal protzige Heldenverehrung, die nach dem zweiten Weltkrieg ange-ichts der Unmenschlichkeit der Gewalt für uns heute nicht mehr angemessen sein darf. Wie soll man also der Opfer gedenken? Maler scheinen es leichter gehabt zu haben, wie er am Beispiel von Pablo Picassos Bild „Guernica" aufzeigte. Durch die bildnerische Zeichenschrift wirkt diese mythische u. markierte Ergriffenheit durch die anschauliche Mitteilung. Hier sei nach Clemens Joeckle der gedankliche Ansatz, nicht der formale, für den Bildhauer Müller-Steinfurth zu suchen, als ihm die Gestaltung eines Denkmals für Opfer von Krieg und Gewalt aufgetragen worden ist. Auch er sucht Ergriffenheit durch eine anschauliche Mitteilung zu erzeugen, indem er eine mythologische Metapher wählte. Er greift als Thema die „große Nachdenkende" auf, die er in enge Beziehung zur antiken Gestalt „der Trauernden" setzt. Die weibliche Gestalt schmiegt ihre recht Hand an die Wange und senkt den Kopf, während die linke Hand auf dem Schoß ruht und so eine Art umschließende Kreisbewegung vollzieht. Versunkensein wird als Charakteristikum dieser Gestik signalisiert. Der Gestus selbst ist der sogenannte Trauergestus der Antike - denkt man an Beispiele der um ihre Kinder trauernden Niobe oder eben in der christlichen Ikonographie an den Apostel Johannes, den Lieblingsjünger Jesu unter dem Kreuz. Dabei gelang es dem Künstler, diese Haltung als aktiv zu formen. Schließlich ist Nachdenken ja keineswegs Nichtstun. Darin aber liegt die Signalwirkung der Skulptur, die von dieser Arbeit ausgeht. „Contemplari et Contemplata aliis tradere" = Nachdenken und das, was man ersonnen hat, dem anderen weitersagen, ist überzeugend gestaltet worden. Nach seiner Ansprache zum Volkstrauertag - wobei er auch die Grüße und Wünsche seines evangelischen Amtsbruders Klaus Zimmermann übermittelte - und nach gemeinsamem Gebet weihte Pfarrer Günter Hirt das Mahnmal ein. Burgermeister Straub erinnerte in seiner Ansprache an die Opfer zweier Weltkriege und an jene, die wegen ihres Glaubens oder ihrer Rasse verfolgt und ermordet wurden. „Wir schauen zurück", so der Bürgermeister, „auf die Völkertragödien unseres Jahrhunderts, _die über 65 Millionen ausgelöscht baben. Mit Erschrecken werden wir uns bewußt, daß die unübersehbaren Wälder von Grabkreuzen nicht die nötige Kraft besitzen, unsere Zeitgenossen -von kriegerischen Auseinandersetzungen und anderen Gewalttaten abzuschrekken." Aus dieser Sicht habe es aktuelle Bedeutung, daß an diesem Volkstrauertag dieses Mahnmal gegen Gewalt eingeweiht werde, es solle auch in positivem Sinn Mahnmal zur Friedfertigkeit sein im Sinne der Bergpredigt. Bürgermeister Straub dankte dem Bildhauer Franz W. Müller-Steinfurth für die ausgezeichnete, schnelle und preiswerte Arbeit, die der zugedachten Aufgabe gerecht wird. Ebenso herzlich dankte er Altstadtrat Paul Häußler, der als Heimatpfleger vielfältige Bemühungen und Ideen eingebracht und für das Funktionieren der Verbindung zwischen Stadtverwaltung und Künstler gesorgt habe. Nach dem Dank an die Mitwirkenden der Feier und dem Totengedenken durch den VDK Vorsitzenden legte er zusammen mit Fritz Klumpp den Kranz der Stadt Waghäusel am neuen Mahnmal nieder.  Der Feierstunde im Friedhof voraus ging ein Gedenkgottesdienst in der Wiesentaler Pfarrkirche, den der gemischte Chor des Männergesangvereins 1909 gesanglich mitgestaltet hatte.

Quelle: Bericht von Hans Weisbarth über die Einweihung im Mitteilungsblatt Nr. 47/1985

Ebenfalls aus dem Mitteilungsblatt 47/1985:

Gelungenes Kunstwerk
Das neue Mahnmahl soll zum aktiven Nachdenken anregen / Schrift und Figur bilden eine formale Einheit

Nun steht sie da, die Nachdenkende gegenüber der Friedhofskapelle auf dem Wiesentaler Friedhof. Aus weißem Carara-Marmor wurde die 2,70 Meter hohe Figur aus einem Block in Italien vom Künstler Franz Werner Müller-Steinfurth herausgearbeitet. Der Körper bildet zwei in sich ruhende geschlossene Blöcke, geschieden durch die Sitzhaltung. Trapezförmig, leicht eingezogen ist das transparent erscheinende Gewand, das in angedeuteten, spannungsreichen Falten sich um das rechte Bein der Figur legt und damit aufbauend die Haltung des Armes unterstreicht, indem diese Faltenbewegung von selbst den Blick des Betrachters auf Hand- und Kopfhaltung führt.
Es gibt ein deutliches Rechts und Links bei dieser Plastik. Eine aufwärts bewegende Linie deutet den dynamischen Vorgang der Haltung an, während Arm und herabsinkendes Gewand der linken Hälfte dieser Figur das Herabfallende, das sich Versenkende andeutet. Damit wird gesamtheitlich in dieser Bewegung ein Kreis geschlossen, der umfassend ist.
Passion und Reflexion vereinigt diese Gestalt, sowohl das Leiden der Opfer als auch den Trost durch das Gedenken. Der Rücken zeigt sich in spannungsvoller Glätte, es war ein
Anliegen des Künstlers, den gewachsenen Stein nicht durch Ornamentik zu durchbrechen, sondern das Unverletzliche jeder Person in seiner Würde so zu unterstreichen.

Müller-Steinfurth hat darauf verwiesen, daß das Weibliche in dieser Figur Metapher der Mutter Erde sein kann, die für Werte wie Geborgenheit, Verständnis und Schutz steht. Darnit ist das Motiv in seinem Bedeutungsgehalt wieder an die ursprüngliche Aussage, die die Spätantike mit derartigen Skulpturen verbunden hat, herangeführt und der einseitige und pathetisch erscheinende Gebrauch seit Beginn des 19. Jahrhunderts auf unseren Friedhöfen als hoffnungslose Klagefigur im Aufbegehren der rationalistischen Friedhofssymbolik gegen christliche Erlösungshoffnung in kulturkämpferischem Verständnis aufgehoben worden. Es ist deswegen in der Klage nicht Hoffnungslosigkeit, sondern das Gegenteil ausgedrückt. Sicher stand auch für die Initiatoren, unter ihnen vor allem Paul Häußler, die Auseinandersetzung mit dem Leid und die Solidarisierung im Gedenken im Vordergrund. Für die Stadtväter war dieses Anliegen so zentral, daß sie ein solches Kunstwerk dafür für angemessen hielten. Müller-Steinfurth hat es aufgegriffen und künstlerisch gestaltet. Er hat eine handwerklich solide Ausbildung als Steinmetz erfahren, der sich ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München anschloss, er war Meisterschüler bei Professor Gerd Winner.

Bei seinem neuesten Werk - Müller-Steinfurth hat vor einiger Zeit auch das Friedhofskreuz im Stadtteil Waghäusel geschaffen - fällt die vollendete Versetzung des Konzepts und die von der technischen Durchführbarkeit geprägte Konzipierung auf. Es erfordert großes handwerkliches Können, aus einem Marmorrohling frei schaffend diese Figur herauszuarbeiten. So möge die exakte Ausführung dieser Arbeit den Friedhofbesucher erfreuen und ihm in vielen Generationen Mahnung und Ansporn sein: Nachdenken und das Resultat weitergeben!