Oberbürgermeister Walter Heiler zum Volkstrauertag am 15. November 2020

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir denken am Volkstrauertag bundesweit an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker und mahnen zum Frieden.

Zum Volkstrauertag wende ich mich diesmal hier auf unserer Homepage an Sie.
In diesem Jahr begehen wir den Volkstrauertag in stillem Gedenken und nicht mit gemeinsamen Veranstaltungen. Auf den Friedhöfen sind Kränze aufgestellt.
 
Vor 75 Jahren endete der letzte Krieg auf deutschem Boden, der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg mit an die 60 Millionen Toten, mit Grausamkeiten und Zerstörungen nie dagewesenen Ausmaßes, in dessen Folge Millionen aus ihrer Heimat vertrieben wurden und Deutschland und Europa über Jahrzehnte hinweg geteilt waren.
 
Die vielen in diesem Jahr geplanten Gedenkveranstaltungen bundesweit konnten und können leider nur sehr eingeschränkt stattfinden.
Waghäusel hat am 21. Januar mit der Enthüllung der Gedenktafel für den schwersten Luftangriff des Krieges auf Wiesental noch ein eindrucksvolles Gedenken begehen können.
 
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge versucht 2020 das Gedenken und die Erinnerung mit einem Zeichen für Frieden und Versöhnung zu verbinden durch die Aktion „Vergissmeinnicht“.
Ein Stahlkranz mit 1,60 Metern Durchmesser wird mit metallenen 1.000 blauen und roten Blüten bestückt. Vergissmeinnicht und Mohnblumen stehen symbolisch für das Gedenken in Deutschland, Großbritannien und den übrigen Commonwealth-Staaten an die Opfer vor allem der beiden Weltkriege. Am Volkstrauertag, der in diesem Jahr im Zeichen des deutsch-britischen Gedenkens steht, wird der Kranz in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin aufgestellt.
 
“Vergissmeinnicht“, wieviel haben sich das gegenseitig gesagt oder es gedacht, bevor Krieg oder Gewalt sie getrennt haben. Leider kamen viel zu viele nicht wieder zusammen.
 
In diesem Jahr möchte ich besonders an die erinnern, die dieser letzte Krieg aus unserer Mitte gerissen und für die bis heute nicht geklärt werden konnte, wie und wo ihr Leben endete, von denen die Angehörigen bis heute keinen Abschied nehmen konnten – die Vermissten.
 
Bis heute gelten noch etwa 1,3 Millionen deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges als vermisst.
 
1952, sieben Jahre nach Kriegsende, standen in der traurigen Statistik immer noch 152 Vermisste aus Wiesental, 138 aus Kirrlach und 4 aus Waghäusel.
Zu den Vermissten gehören nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten, vor allem Heimatvertriebene, die im Krieg oder auf der Flucht von ihren Angehörigen, die bei uns Aufnahme fanden, getrennt worden waren.
Der jüngste dieser, unserer Vermissten war bei Kriegsende gerade einmal 2 Jahre alt, der älteste 60.
Viele Schicksale haben sich bis heute nicht klären lassen.
 
Nicht nur irgendwo an den vielen Fronten dieses Krieges gingen Menschen verloren, auch hier bei uns: Auf dem Wiesentaler Friedhof liegt im Soldatengrab bis heute ein Mann begraben, der am 31. März 1945 hier gefallen ist und dessen Name und Herkunft auch bei späteren Untersuchungen nicht mehr geklärt werden konnte. Er ist bei uns gestorben und begraben und die Angehörigen haben es bis heute nicht erfahren. Wie traurig, wie einsam.
 
Die Berliner Zeitung “Der Tagesspiegel” veröffentlichte am 8. Mai 2020 einen Bericht über eine lebenslange Suche nach dem kleinen Bruder, aus dem ich zitieren möchte.
Dort heißt es: „Alide Mensing war 28, als für sie die lange Zeit der Ungewissheit begann. Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Heinrich, den sie stets Heiner nannte, meldete sich nicht mehr.
Sie wusste nur, dass sie ihn, der in Kürze seinen 23. Geburtstag feiern sollte, noch einmal losgeschickt hatten. An die Ostfront, obwohl er bereits dreimal verwundet worden und eigentlich bloß für den Garnisonsdienst tauglich war.
Doch die Ostfront verlief in diesem Frühling 1945 an der Oder. Die Entscheidung, ob jemand tauglich war, wurde inzwischen sehr großzügig gehandhabt. Und so mussten noch Zehntausende sterben, um das „Dritte Reich“ für ein paar weitere Wochen am Leben zu erhalten.”
 
Heinrich Mensing war am 3. März 1922 geboren, kam aus Bremerhaven und war gelernter Maschinenschlosser. Mit 19 Jahren, im Januar 1942, bekam er die Einberufung und wurde einer Maschinengewehrkompanie zugeteilt. Er kämpfte in Russland in der Nähe von Leningrad (heute wieder Sankt Petersburg). Im August 1943 bekam er für seine dritte Verwundung ein Abzeichen, ein Projektil war in die Lunge eingedrungen, ein weiteres ins Knie, Granatsplitter verletzten Oberschenkel und Unterarm. Das hieß: nicht mehr fronttauglich. Heiner Mensing wurde in eine Reservekompanie auf der dänischen Insel Fanö geschickt. Doch Anfang 1945 wurde er dem Grenadierregiment 300 zugeteilt, ein Regiment, das erst im Januar 1945 aufgestellt wurde. Ein Regiment aus Soldaten, von denen es eigentlich hieß, sie hätten es hinter sich. Im Frühjahr 1945 verliert sich seine Spur.
 
Peter Herbig, der Sohn seiner Schwester, war 1945 gerade ein Jahr alt. Doch er weiß viel über den Onkel, der auf den Fotos, die seine Mutter aufbewahrt hatte, all die Jahre jung geblieben ist.
Und er hat bis heute die Briefe, die seine Mutter nach 1945 verschickte, die von einer lebenslangen Suche erzählen und von den unbefriedigenden Antworten auf die immer gleiche Frage: „Wissen Sie, wo mein Bruder ist?“
Sie stellte sie in Hamburg und Genf, in München und schließlich in Moskau. Sie schrieb ans Rote Kreuz, an Heimkehrer-Verbände, an den „Suchdienst für vermisste Deutsche in der sowjetischen Besatzungszone“. Sie schrieb auch nach Berlin, wo die „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht“ ihren Sitz hatte. Die Antworten ähneln sich: Wir melden uns, wenn wir ihn finden.
 
Alide Herbig geborene Mensing gab die Hoffnung nicht auf, dachte, er sei vielleicht in russische Gefangenschaft geraten. 1955 kamen die letzten deutschen Soldaten aus der Sowjetunion zurück. Heiner Mensing war nicht dabei. Seine Schwester hoffte, er habe vielleicht in Russland eine Frau gefunden und inzwischen eine Familie gegründet. Drei Jahre später schrieb das Rote Kreuz, das auf eine Anfrage der Schweizerischen Liga für Menschenrechte die sowjetische Partnerorganisation erklärt habe, „alle Nachforschungen um den Aufenthaltsort ihres Angehörigen seien ergebnislos geblieben“.
 
1974 schickte wieder das Rote Kreuz ein Gutachten, das mit den Worten endet: „Es gibt keinen Hinweis, dass der Verschollene in Gefangenschaft geriet. Alle Feststellungen zwingen zu der Schlussfolgerung, dass er gefallen ist.“ Alide Herbig schrieb, dass sie es ablehne, ihn ohne eindeutigen Beweis für tot erklären zu lassen, „dies kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“.
 
Sie schöpfte noch einmal Hoffnung, als 1990 nach der Wiedervereinigung die verschollen geglaubte Gräberkartei der Wehrmachtsauskunftsstelle in Schloss Dornburg an der Elbe geöffnet wurde. Wieder fand sich nichts über den Bruder.
 
Alide Herbig starb 2003, ihre lebenslange Suche nach dem kleinen Bruder blieb für sie ohne Erfolg.
Und doch ist er nicht für immer vermisst geblieben.
 
Ab 2005 führte der „Verein für die Bergung Gefallener in Osteuropa“ bei Klessin im Oderbruch Grabungen durch. Auf dem Gutshof Klessin, der auf einem Höhenzug lag, hatte es eine deutsche Garnison gegeben, die die Rote Armee mit Artillerie beschoss, die im März 1945 über die Oder übergesetzt hatte. Der Hügel wurde von der Roten Armee komplett eingeschlossen. Trotzdem sollte der Posten um jeden Preis gehalten werden. „Fällt Klessin, fällt auch Berlin“ hieß es in einer Order.
 
Am 20. März 1945 erhielt das Grenadierregiment 300, zu dem Heiner Mensing gehörte, den Befehl, den Belagerungsring um das Gut anzugreifen und den Posten auf der Höhe zu versorgen. Das scheiterte unter hohen Verlusten. Drei Tage später räumten die Soldaten auf dem Hügel ihre Stellung, viele von ihnen fielen diesem Rückzug zum Opfer.
 
Im Herbst 2014 stieß man hier bei einer Grabung wieder einmal auf im Erdreich verscharrte menschliche Gebeine, es waren Russen und Deutsche. Sie lagen in keinem anatomischen Zusammenhang mehr, einzelne Skelette waren nicht mehr zu identifizieren.
 
Aber zwischen den Knochen lag eine deutsche Erkennungsmarke, wie sie die Soldaten damals um den Hals trugen. Die Marke ist als die Heinrich Mensings identifiziert worden. Nach 70 Jahren hatte man ihn gefunden. Die gefundenen Gebeine befinden sich nun auf einem Friedhof in Wuhden unweit Klessins.
 
Der Zustand der Skelette ließ darauf schließen, dass Heinrich Mensing wie die anderen Toten noch Monate unter freiem Himmel auf dem Acker bei Klessin lag. Es gab auch niemanden, der sie hätte bestatten können. Die Rote Armee zog weiter nach Berlin, alle Zivilisten waren längst geflohen. Sie kamen erst später zurück. Es gibt Fotos, die zeigen, wie noch 1946 Menschen versuchten, zwischen ausgebrannten Panzerwracks das Feld zu bestellen. Noch ein Jahr nach den Kämpfen wurden verweste Leichen aus dem verminten Gelände in die alten Schützengräben gezogen und mit Erde bedeckt.
 
Der Wunsch des Neffen bleibt, die Erkennungsmarke seines Onkels zu bekommen, um sie ins Grab seiner Mutter legen zu können.
 
Wie unendlich grausam das alles ist - und doch nur ein kleiner Teil dieses furchtbaren Krieges.
 
Heute machen uns die Menschen, die bei uns Schutz suchen vor dem Krieg in ihren Heimatländern, einmal mehr bewusst, was Krieg bedeutet. Auch in diesem Jahr werden Menschen schmerzlich vermisst, deren Schicksal vielleicht nie mehr geklärt werden kann. Etwa, wenn sie auf der Flucht vor dem Krieg im Mittelmeer ertrinken,
 
Das Gedenken an die Toten der Kriege ist immer auch ein Appell an unsere Menschlichkeit, ein Appell für die Achtung vor dem menschlichen Leben.
Daran erinnert uns jedes Jahr dieser Volkstrauertag.
 
Ans Ende möchte ich auch hier das Totengedenken stellen, das seit langem jedes Jahr am Volkstrauertag gesprochen wird:
 
Wir denken heute
- an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken
- der Soldaten, die in den Weltkriegen starben und der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden,
- weil sie einem anderen Volk angehörten,
- einer anderen Rasse zugerechnet wurden,
- Teil einer Minderheit waren oder
- deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken
- derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben und
- derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer
- der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage und
- von Terrorismus und politischer Verfolgung.
Wir gedenken auch
- derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern
- mit allen, die Leid tragen, um die Toten und teilen ihren Schmerz.
 
Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.
 

(Erstellt am 13. November 2020)

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